Türkozan, O., F. Kiremit, J. F. Parham, K. Olgun & E. Taskavak (2010): A quantitative reassessment of morphology-based taxonomic schemes for Turkish tortoises (Testudo graeca). – Amphibia-Reptilia 31 (1): 69-83.

Eine quantitative Neubewertung Morphologie-basierter taxonomischer Schemata für die türkischen Landschildkröten (Testudo graeca).

Im letzten Jahrzehnt wurden die asiatischen Populationen von Testudo graeca in mehr als 10 Spezies aufgespalten und diese Aufspaltung basierte auf morphologisch-morphometrischen Kriterien, die dann später häufig an Hand der genetischen Daten synonymisiert wurden. Wir generierten nun neue morphometrische Daten für sechs dieser für die Türkei diskutierten Spezies, die ja ein Hauptzentrum für die morphologische und genetische Diversität der asiatischen T. graeca darstellt. Wir testeten die Übereinstimmung unserer Ergebnisse mit den früher erhobenen morphologischen Zuordnungen. Unsere neuen morphometrischen Daten und Analysen unterstützen nicht alle Ergebnisse der vorhergegangen morphometrischen Studien. Im Gegenteil, wir finden, dass die vorläufig benannten Taxa entlang der mediterranen Küste wie („antakyensis“, „anamurensis“ und „terrestris“) sich morphometrisch nicht unterscheiden lassen. Andererseits sind einige der Inlandspopulation aus der östlichen Türkei wie („armeniaca„ und „perses“) klar morphometrisch zu unterscheiden, so wie dies in früheren Studien gezeigt wurde. Auch die nördlichen und südlichen Schildkrötenpopulationen der Türkei, die mit der Bezeichnung „ibera“ und „terrestris“ mt-Kladen übereinstimmen dürften sind klar morphometrisch abgrenzbar. Insofern reflektieren die morphometrischen Daten das sich abzeichnende genetische Muster, obwohl das Bild immer noch Unzulänglichkeiten aufweist, da es kaum genetische Datensammlungen aus der Türkei selbst gibt, ebenso wie es noch an morphometrischen Daten für die Bereiche außerhalb der Türkei mangelt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine Arbeit, die wieder einmal die umstrittene Taxonomie von T. graeca adressiert, da man sich immer noch darüber im Unklaren ist, ob die asiatischen T. graeca Populationen eine Spezies (Parham et al. 2006, Fritz et al. 2007) oder bis zu 10 Spezies darstellen (Perälä 2002, Guyot 2004).
Wenn ich mir ganz unvoreingenommen die Bilder der in der Arbeit gezeigten Schildkröten anschaue, welche ein typisches Exemplar der jeweiligen Spezies zeigen, meine ich auch Unterschiede zu erkennen. Allerdings frage ich mich auch ganz unvoreingenommen, warum auch nicht, denn letztendlich kommen sie ja auch aus unterschiedlichen Biotopen und repräsentieren unterschiedliche Populationen? Dieser Disput der Taxonomen bezieht sich also lediglich darauf, ob die Daten für diese unterschiedlichen Populationen so weit gehen, dass man von unterschiedlichen Arten sprechen kann, oder ob es sich um eine Art handelt. Mir persönlich ist das eigentlich egal und auch ist mir die Diskussion zu abstrakt und kleinlich geführt, ob man das für eine Prioritätenliste zur Zuweisung eines Schutzstatus braucht. Ich könnte gut damit leben, wenn es sich genetisch nur um eine Art handelt, die aus mehreren Lokalrassen besteht, denn auch Rassen sind schützenswert. Wir haben sogar innerhalb der EU Schutzprogramme zur Erhaltung alter und vom Aussterben bedrohter Haustier- und Nutzviehrassen. Denn auf der einen Seite kann man bei genauer Betrachtung eben auch bei wildlebenden Lokalrassen Unterschiede erkennen (siehe Kommentar zu Rieppel & Kearney 2007). Ich denke, man braucht kein Wissenschaftler zu sein und jedes Mitglied eines Kaninchenzuchtvereins oder Geflügelzuchtvereins kann nachvollziehen, dass sich Rassen ein und derselben Art zum Teil deutlich unterscheiden können. Warum nun Schildkrötentaxonomen aus dieser Tatsache ein solch kompliziertes Thema – ich möchte fast schon sagen – herbeireden, mag mir da nicht ganz einleuchten. Auch für den Naturschutz braucht man es nicht, denn wir reden zwar oft von Artenschutz, aber das Wort Artenschutz ist ein abstraktes, von Menschen erdachtes Wort, dessen Wert wir ihm zuweisen. Den gleichen Wert können wir auch dem Wort Rassenschutz zuweisen. Ich weiß zwar, dass das Wort Rasse seit dem dritten Reich einen faden Beigeschmack in der Gesellschaft hat, aber auch das ist ein abstraktes von uns Menschen ersonnenes „Geschmackserlebnis“. Wenn ich es jetzt einmal bewusst etwas überspitzt auf unsere eigene Spezies den Homo sapiens beziehe, würden sie mir vielleicht zustimmen können, dass wir alle einer Art angehören und uns doch unterscheiden in Afrikaner, Inder, Chinesen, Indonesier, Eskimos etc. (obwohl sich das auch gerade und hoffentlich nicht zu unserm Nachteil ändert, siehe Schuster et al. 2010, Ledford 2010) und für alle Mitglieder dieser Spezies
Homo sapiens gelten doch dieselben allgemein akzeptierten Menschenrechte oder? Warum um Gottes Willen rechtfertigen Taxonomen ihr Tun und ihre Dispute damit, dass sie dies bräuchten, um Schutzziele und Prioritätenlisten für den „Artenschutz“ zu erstellen? Wir bräuchten doch wie bei den Menschenrechten auch nur jeder Lokalpopulation die gleiche Erhaltenswürdigkeit, sprich denselben Schutzstatus anzuerkennen, und das Problem wäre gelöst und bestenfalls ein akademisch zweitrangiges. Diesbezüglich muss ich sogar den Tierschützern recht geben, denn das Wort Tierschutz ist umfassend und würde notfalls sogar uns selbst als Mitglieder der Säugetiere einschließen. Wenn wir dem Wort Naturschutz einschließlich des Artenschutzes gerecht werden wollen, sollten wir anfangen, globaler zu denken und uns nicht mit abstrakten akademischen Zwistigkeiten aufhalten, die der Sache letztendlich wenig nützen und eigentlich nur wieder dazu dienen, unser eigenes egozentrisches Ego dadurch zu befriedigen, dass wir allem einen Wert (Priorität) zuweisen wollen, der da heißt, „je seltener desto wertvoller“. Etwas überspitzt: Stellen sie sich doch einfach mal die Frage, wie wertvoll sind sie selbst, und welchen Schutzstatus würden sie sich für sich wünschen, in etwa den gleichen sollten Sie dann auch anderen Geschöpfen zugestehen, egal ob sie nun nur eine Rasse, Unterart oder Art repräsentieren. Ein Glück, dass Evolution und Selektion zu blöd zum Abstrahieren sind, und deshalb bislang neutral und wertfrei ablaufen konnten – Sollten wir daraus nicht etwas lernen? Siehe auch: Le et al. 2006, Buhlmann et al. 2009).

Literatur

Buhlmann, K. A., T. S. B. Akre, J. B. Iverson, D. Karapatakis, R. A. Mittermeier, A. Georges, A. G. J. Rhodin, P. P. Van Dijk & J. W. Gibbons (2009): A Global Analysis of Tortoise and Freshwater Turtle Distributions with Identification of Priority Conservation Areas. – Chelonian Conservation and Biology 8 (2): 116-149 oder Abstract-Archiv.

Fritz, U., A. K. Hundsdörfer, P. Široký, M. Auer, H. Kami, J. Lehmann, L. F. Mazanaeva, O. Türkozan & M. Wink (2007): Phenotypic plasticity leads to incongruence between morphology-based taxonomy and genetic differentiation in western Palaearctic tortoises (Testudo graeca complex; Testudines, Testudinidae). – Amphibia-Reptilia 28 (1): 97-121 oder Abstract-Archiv.

Guyot, G., (Hrsg.) (2004): Numéro spécial Testudo. – Manouria 22: 1-152.

Le, M., C. J. Raxworthy, W. P. McCord & L. Mertz (2006): A molecular phylogeny of tortoises (Testudines: Testudinidae) based on mitochondrial and nuclear genes. – Molecular Phylogenetics and Evolution 40 (2): 517-531 oder Abstract-Archiv.

Ledford, H. (2010): Africa yields two full human genomes. – Nature 463: 857

Parham, J. F., O. Türkozan, B. L. Stuart, M. Arakelyan, S. Shafei, J. R. Macey & T. J. Papenfuss (2006): Genetic evidence for premature taxonomic inflation in Middle Eastern tortoises. – Proceedings of the Californian Academy of Science 57: 955-964.

Perälä, J. (2002): Morphological variation among Middle Eastern Testudo graeca L., 1758 (sensu lato) with a focus on taxonomy. – Chelonii 3: 78-108.

Rieppel, O. & M. Kearney (2007): The poverty of taxonomic characters. – Biology & Philosophy 22 (1): 95-113 oder Abstract-Archiv.

Schuster, S. C., W. Miller, A. Ratan, L. P. Tomsho, B. Giardine, L. R. Kasson, R. S. Harris, D. C. Petersen, F. Zhao, J. Qi, C. Alkan, J. M. Kidd, Y. Sun, D. I. Drautz, P. Bouffard, D. M. Muzny, J. G. Reid, L. V. Nazareth, Q. Wang, R. Burhans, C. Riemer, N. E. Wittekindt, P. Moorjani, E. A. Tindall, C. G. Danko, W. S. Teo, A. M. Buboltz, Z. Zhang, Q. Ma, A. Oosthuysen, A. W. Steenkamp, H. Oostuisen, P. Venter, J. Gajewski, Y. Zhang, B. F. Pugh, K. D. Makova, A. Nekrutenko, E. R. Mardis, N. Patterson, T. H. Pringle, F. Chiaromonte, J. C. Mullikin, van, E. Eichler, R. C. Hardison, R. A. Gibbs, T. T. Harkins & V. M. Hayes (2010): Complete Khoisan and Bantu genomes from southern Africa. – Nature: 463: 943-947.