Tetzlaff - 2019 - 01

Tetzlaff, S. J., J.-H. Sperry, B. A. Kingsbury & B. A. DeGregorio (2019): Captive-rearing duration may be more important than environmental enrichment for enhancing turtle head-starting success. – Global Ecology and Conservation 20: e00797.

Die Aufzuchtzeit in Gefangenschaft ist wichtiger als eine angereicherte Umwelt, um den Erfolg von Head-Start – Maßnahmen zu gewährleisten.

DOI: 10.1016/j.gecco.2019.e00797 ➚

Carolina-Dosenschildkröte, Terrapene carolina, – © Hans-Jürgen Bidmon
Carolina-Dosenschildkröte,
Terrapene carolina,
© Hans-Jürgen Bidmon

Die Aufzucht in Gefangenschaft bis die Individuen aus den kritischen Verluststadien herausgewachsen sind und in die Wildnis entlassen werden (Head-Start) gehört zu den allgemein verbreiteten Erhaltungsmaßnahmen. Im Gegenzug zeigt sich aber oft, dass die Überlebenschancen nach der Auswilderung gering sind. Das Verhalten der Tiere nach der Freisetzung kann sich auf das Überleben auswirken und dies wiederum kann durch die Dauer in Gefangenschaft und durch die Unterbringung in Gefangenschaft beeinflusst sein. Praxisorientierte Halter haben deshalb die Methoden einer angereicherten (natürlicheren) Umwelt eingeführt, um das natürliche Verhalten während der Head-Start-Anzucht zu fördern. Diese angereicherten, natürlichen Bedingungen können gerade bei sehr lang dauernden Aufzuchtbedingungen von Vorteil sein, um das adaptive Verhaltenspotential aufrechtzuerhalten. Unter Verwendung von 32 in Gefangenschaft geschlüpften Schildkröten (Terrapene carolina) von denen die Hälfte unter angereicherten Umweltbedingungen aufgezogen wurden untersuchten wir einen faktoriellen Ansatz, um zu untersuchen wie sich eine angereicherte Umwelt und die Haltungsdauer auf das Wachstum und das Überleben nach der Auswilderung auswirkt. Sechs Schildkröten aus jeder Gruppe (angereichert/nicht angereichert) wurden für 9 Monate gehalten (Kohorte 1). Zehn Schildkröten aus jeder Gruppe wurden für 21 Monate gehalten (Kohorte 2). Am Ende der Aufzuchtphasen waren die Schlüpflinge der Kohorte 2 größer als jene in Kohorte 1, aber alle Schildkröten die unter nicht-angereicherten Standardbedingungen aufgezogen wurden, waren größer als die Schildkröten die unter angereicherten Bedingungen aufgezogen worden waren und zwar in jeder der 2 Kohorten. Nach der Auswilderung zeigten aber die Schildkröten der Kohorte 2 die unter angereicherten Umweltbedingungen aufgewachsen waren die größeren Zuwachsraten, aber wir fanden andererseits nur minimale Anhaltspunkte dafür, dass angereicherte Aufzuchtbedingungen der Überlebensrate und dem Verhalten im Freiland förderlich sind. Die Schildkröten der Kohorte 2 verteilten sich über weitere Strecken im Freiland und sie zeigten eine höhere Überlebensrate pro Aktivitätszeit als die Kohorte 1 (0,50 vs. 0,33). Die Körpergröße zeigte eine positive Assoziation mit der täglichen Überlebenswahrscheinlichkeit. Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass eine größere Körpergröße, die durch eine längere Aufzucht erreicht wurde, es den Tieren erlaubt sich weiter zu verbreiten und deren Anfälligkeit gegenüber Beutegreifern verringert (dem Hauptverlustfaktor). Deshalb könnte allein eine längere Aufzuchtperiode effektiver sein als angereicherte Anzuchtbedingungen alleine und zwar in den Schildkröten-Head-Startprogrammen für die die Verluste nach der Auswilderung durch Beutegreifer verursacht werden.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun diese Studie liefert zwar einen interessanten Gesamteindruck, aber keine wirklich abgesicherten Daten. Das größte Manko ist dabei die geringe Individuenzahl an Schildkröten pro Kohorte und Aufzuchtbedingung, die eigentlich gar keine zuverlässige statistische Auswertung der Ergebnisse bei solchen komplexen Einflüssen und Umweltbedingungen zulässt. Sicher sind da nur die Angaben darüber, dass die Schildkröten nach 21 Monaten Gefangenschaftshaltung größer sind als jene die nach 9 Monaten ausgewildert werden. Alles andere sind lediglich Beobachtungen deren Plausibilität sich meines Erachtens nur aus dem Vergleichen mit anderen Studien erschließen lässt. Eines der interessantesten Indizien ist dabei vielleicht noch die Beobachtung, dass die Schildkröten aus Kohorte 2 die unter angereicherten Umgebungsbedingungen aufgezogen wurden nach der Auswilderung einen besseren Zuwachs zeigen, denn das würde klar andeuten, dass sie es besser gelernt haben in einer natürlichen Umwelt zu jagen und sich zu ernähren als jene die nur Beutetiere auf mehr oder weniger blanken Standardkäfigboden erhaschen mussten. Wenn man mal darüber nachdenkt wie sich allein die Nahrungsdarreichung im Kontext der Haltungsumweltbedingungen auswirkt, wird eigentlich deutlich wie komplex im Vergleich dazu sich die natürlichen Freilandbedingungen gestalten, den in der Aufzuchthaltung haben ja alle Schildkröten die gleiche Nahrungsmenge bekommen, sodass, wenn man nur die Nahrungsenergie betrachtet, beide sich hätten gleichmäßig entwickeln müssen, aber allein das Beutesuchen unter angereicherten Bedingungen scheint ja den Schlüpflingen mehr Kraft- und Bewegungsaufwand abverlangt zu haben als die Standardfütterung. An solchen Beobachtungen zeigt sich eigentlich schon wie energieeffizient eine Überlebensstrategie unter natürlichen Umweltbedingungen sein muss, um überhaupt geringfügige Vorteile zu gewährleisten. In der komplexen Natur sind manchmal kleine Abweichungen entscheidend z. B. hat man für eine Säugerspezies nachgewiesen, dass die Individuen die den Rand ihres Verbreitungsgebiets durch Umweltstress und Energiedefizit ein um 2 % geringeres Hirngewicht aufweisen als jene im Zentrum des Verbreitungsgebiets unter optimaleren Bedingungen leben. Nur 2 % Unterschied sind für viele eine so geringe Abweichung, dass man sie wirklich gut statistisch absichern muss, um sie überhaupt abgesichert nachweisen zu können und es zeigt uns, dass diese geringe Abweichung für die Individuen die es betrifft überlebensnotwendig sind.

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