Rafferty, A. R., T. F. Scheelings, L. J. Foley, C. P. Johnstone & R. D. Reina (2014): Reproductive investment compromises maternal health in three species of freshwater turtle. – Physiological and Biochemical Zoology 87(3): 411–419.

Die Investitionen in die Reproduktion beeinträchtigen die mütterliche Gesundheit bei drei Arten von Wasserschildkröten.

DOI: 10.1086/675310

 Chelodina longicollis – (c) Stefan Thierfeldt
Glattrückige Schlangenhalsschildkröte, Chelodina longicollis
© Stefan Thierfeldt

Die Theorie zur Lebensweise sagt vorher, dass es zu einer Balanceverschiebung zwischen den Ressourcen bei den verschiedenen physiologischen Körpersystemen kommt, da die Ressourcen einer finalen Limitierung unterliegen. Als Ergebnis dieser Annahme kann man davon ausgehen, dass Weibchen, die sehr viele Ressourcen in die eigene Reproduktion investieren, damit ihren zukünftigen Gesundheitsstatus beeinträchtigen. Wir benutzten die hämatologischen Parameter wie die Serumbiochemie, Masse und morphometrische Messungen als Indikatoren für den physiologischen Gesundheitsstatus, um herauszufinden, ob die Ressourceninvestition in die Reproduktion zu einer Veränderungen bei der mütterlichen Gesundheit führen bei folgenden drei australischen Wasserschildkröten: Siebenrocks-Schlangenhalsschildkröte (Chelodina oblonga; n=12), der Macquarie-Flussschildkröte (Emydura macquarii; n=9) und der Gewöhnlichen Australischen Schlangenhalsschildkröte (Chelodina longicollis; n=8). Der mütterliche Gesundheitsstatus war bei allen Schildkrötenweibchen beeinträchtigt, die große und schwere Gelege absetzten. Bei C. oblonga und E. macquarii wurde mit einer Zunahme des Investments in die Reproduktion der Gesundheitsstatus negativ beeinflusst und ging mit negativen Veränderungen bei den Blutwerten und dem biochemischen Serumprofil einher. Generell wurde eine Zunahme bei der Heterophilen/Lymphozten-Rate, der Aspartat-Transaminase, der Kreatininkinase, dem Calcium-Phosphor-Verhältnis sowie dem Albumin/Globulin-Verhältnis nach der Eiablage beobachtet, und zusätzlich kam es auch zu einer Abnahme des Glukosespiegels und der Gesamtproteinkonzentration. Diese Befunde stützen die so genannte Physiologische Begrenzungshypothese und heben die Beziehung zwischen der Evolution der Lebensweise und der Physiologie der Tiere dadurch hervor, dass wir hier erstmals aufzeigen konnten, wie Messungen des physiologischen Gesundheitsstatus in einer Beziehung zur Reproduktionsinvestition bei australischen Wasserschildkröten stehen. Zusätzlich lassen unsere Befunde vermuten, dass die Körperkondition, als ein häufig verwendeter morphologischer Bioindikator ein schlechter Anzeiger für den Gesundheitsstatus von Schildkröten ist. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es notwendig sein wird zu untersuchen, wie der mütterliche Gesundheitsstatus während der einzelnen Phasen des reproduktiven Prozessablaufs bei verschiedenen Spezies beeinflusst wird.

 Emydura macquarii – (c) Bruce C. Chessman
Breitrand-Spitzkopfschildkröte, Emydura macquarii,
gefunden nahe der Dingo Creek Robinsons Road
© Bruce C. Chessman

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine wirklich aufschlussreiche Arbeit, die wie ich aus eigener Beobachtung meine, auch auf Landschildkrötenweibchen zutrifft und die auch etwas damit zu tun haben könnte, warum man mache Arten relativ problemfrei aufziehen kann, die dann als adulte reproduktive Tiere verstärkt Krankheitssymptome zeigen, wie den oft leidigen Nasenausfluss bei Sternschildkröten, den die Tiere als Schlüpflinge und Subadulte nie zeigten. Sicher mag hier, wenn vorhanden, auch ein gesteigertes Ansteckungsrisiko während sexueller Interaktionen eine Rolle spielen, aber bei gemeinsam aufgezogenen Schlüpflingen, die so etwas nie zeigten, fragt man sich dann schon, warum es bei adulten Tieren plötzlich dazu kommt. Das sich gut reproduzierende Weibchen gerade in der Tierhaltung oft von übermäßigen Kalziumverlust betroffen sein können, wurde schon mehrfach beschrieben und berichtet, gerade wenn auch die UV-Lichtverhältnisse und der damit verbundene Vitamin D3-Mangel die vermehrte Wiederaufnahme von Kalzium nachteilig beeinflussen, oder gar essentielle Proteine und Energiemengen durch ein entsprechend mageres Futter nicht schnell genug wieder aufgenommen werden können. Es stellt sich aber dennoch die bislang unbeantwortete Frage, ob in der Tierhaltung eine zu gute, z.B. energiereiche Nahrungsversorgung nicht auch einen übermäßig hohen reproduktiven Output fördert, der sich dann verheerend auswirken kann, wenn der Nahrung einige wenige essentielle Bestandteile, wie etwa bestimmte Mineralien oder Vitamine fehlen? Hier wäre noch ein wesentlicher Ernährungsphysiologischer-Forschungsbedarf notwendig. Allerdings, da im Gegensatz zu der Tropfenschildkröte (siehe Litzgus et al. 2008) anscheinend etliche Spezies auch in ihrem natürlichen Lebensraum sehr viel in die Reproduktion investieren, wie die obige Arbeit zeigt, bleibt aus haltungsphysiologischer Sicht eigentlich nur die Erkenntnis, dass zumindest die Weibchen nach erfolgter Eiablage mit besonderem Augenmerk optimal und gut zu versorgen sind, damit sie diese mit der Reproduktion verbundenen Gesundheitsbeeinträchtigungen möglichst schnell wieder ausgleichen können. Ja und hier ist ,so glaube ich, gerade für winterruhende Arten die Betonung auf schnell zu legen, denn nicht selten wird das letzte Gelege relativ spät im Jahr abgesetzt und unsere hiesigen, herbstlichen Schönwetterlagen sind längst nicht so lange stabil und warm wie in ihren südlichen Herkunftsbiotopen. Wer wissen möchte, wozu aus Sicht der Evolution und Arterhaltung das Investment in den Nachwuchs wesentlich ist, dem empfehle ich den Kommentar zu Romiguier et al. (2014).

Literatur

Litzgus, J. D., F. Bolton & A. I. Schulte-Hostedde (2008): Reproductive output depends on body condition in spotted Turtles (Clemmys guttata). – Copeia 2008 (1): 86–92 oder SiF 01/2009.

Romiguier, J., P. Gayral, M. Ballenghien, A. Bernard, V. Cahais, A. Chenuil, Y. Chiari, R. Dernat, L. Duret, N. Faivre, E. Loire, J. M. Lourenco, B. Nabholz, C. Roux, G. Tsagkogeorga, A. A.-T. Weber, L. A. Weinert, K. Belkhir, N. Bierne, S. Glémin & N. Galtier (2014): Comparative population genomics in animals uncovers the determinants of genetic diversity. – Nature 515: 261–263 & 9 S. Supplements oder Abstract-Archiv.

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