Paitz, R.T., S. G. Clairardin, A. C. Gould, J. W. Hicke, L. M. Zimmerman & R. M. Bowden (2014): Corticosterone Levels during the Nesting Process in Red-eared Sliders (Trachemys scripta). – Journal of Herpetology 48 (4): 567–570.

Corticosteronespiegel während der Nistaktivtät bei Rotwangen-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta).

Freilebende Wirbeltiere zeigen eine Tendenz, mit erhöhten zirkulierenden Glukokortikoidspiegeln auf Umweltveränderungen zu reagieren. Schwankungen bei den Glukokortikoiden können verschiedene physiologische Aspekte und das Verhalten modulieren, was zwar kurzfristig zu einer gesteigerten Fitness beitragen kann, aber eben auch zu einer reduzierten Fitness führen wird, falls die Blutspiegel häufig ansteigen oder über einen langen Zeitraum hoch bleiben. Ebenso kann es zu einem Glukokortikoidtransfer von den Weibchen in den Nachwuchs kommen, der Fitnesskonsequenzen nach sich zieht. Allerdings ist derzeit über potentielle Auswirkungen eines generationsübergreifenden Glukokortikoidtransfers noch wenig bekannt. Unsere Studie untersuchte die Kortikosteronspiegel bei weiblichen Rotwangen-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta) während der Nistsaison, um die potentiellen Auswirkungen sowohl für die Weibchen als auch für deren Nachwuchs zu analysieren. Schildkröten, die noch im Wasser in Fallen eingefangen wurden, und Weibchen, die während der Nistaktivität an Land aufgegriffen wurden, unterschieden sich bezüglich der Kortikosteronblutspiegel, wobei diese vergleichsweise sehr niedrig lagen. Wenn man die Weibchen allerdings sehr lange experimentell handhabte oder nach einem bestimmten Versuchprotokoll einsperrte, stiegen die Kortikosternspiegel an. Deshalb kann es dazu kommen, dass die Kortikosteronspiegel während der Nistaktivität in bestimmten Notsituationen ansteigen. Allerdings führen die Nistaktivitäten selbst zu keinem erhöhten Kortikosteronspiegeln. Das Verständnis dafür, wie natürliche Lebensvorgänge wie eben die Nistaktivität die Kortikosteronspiegel beeinflussen, hat wichtige Konsequenzen für die Interpretation von Kortikosteronmessungen in Bezug zur Fitness.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hierbei handelt es sich um eine sehr interessante Studie, die auch zu ähnlichen Befunden wie Jessop & Hamann (2004) kommt, und die sicher auch in Bezug zu anderen ökologischen Lebensraumanpassungen (siehe Roth & Krochmal 2015) von Bedeutung sind. Für uns Schildkrötenpfleger ist das auch nicht ganz unbedeutend, denn auch unter artifiziellen Haltungsbedingungen, z. B. bei zu dichtem Besatz oder sehr ungünstigem Geschlechterverhältnis, kann es während der Haltung zu Stresssituationen kommen, die dazu führen, dass zum Beispiel der Kortisonspiegel ansteigt, und da Steroidhormone fettlöslich sind und auch an Proteine angelagert oder gar gebunden werden, können sie so auch mit in den Eidotter eingelagert werden. Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass sehr hohe Glukokortikoidmengen als Steroidhormon auch an Rezeptoren binden, die eigentlich spezifisch für Geschlechtshormone sind (siehe Tracy et al. 2006). Was also bezüglich der Geschlechtsausprägung ablaufen würde, wenn die Rezeptoren für Geschlechtshormone durch Glukokortikoide wie Kortikosteron blockiert sind, weiß man noch nicht so genau. Man weiß aber sehr genau, was passiert, wenn man adulten paarungsbereiten und aktiven Tieren, egal ob Molch, Frosch, Reptil oder Säuger hohe Glukokortikoiddosen verabreicht: Der Paarungsakt wird sofort unterbrochen. Insofern sollte uns klar sein, dass diese Hormone Auswirkungen besitzen, nur wie sie z.B. auf die Embryonalentwicklung im Ei wirken, ist noch unklar. Nun könnte zwar jeder vermuten, dass das nicht viel ausmachen kann, weil beispielsweise aus mit Oxytozin herausgeholten Eiern auch etwas schlüpft, selbst wenn man dafür ein legebereites Weibchen eingefangen und zwecks einer Röntgenaufnahme zum Tierarzt gefahren ist, wobei ganz sicher die Kortikosteroide angestiegen sind. Doch muss man dabei beachten, dass in einem solchen Fall die Eier ja meist schon fertig beschalt im Eileiter liegen und nichts mehr in sie eingelagert wird. Bei Eiern, die sich aber während einer solchen Stressphase noch unbeschalt im Reifungsprozess befinden, kann das sehr wohl negative Auswirkungen haben und meist hat man Stressauslöser eben schon vergessen, wenn man vielleicht Wochen später feststellt, dass ein anscheinend unbefruchtetes (?), bzw. ein sich nicht entwickelndes Gelege abgelegt worden ist. Hier ist also noch einiges an Forschung und vielleicht auch guter privater Beobachtung und Buchführung nötig, um den Prozessen auf den Grund zu gehen. Siehe auch Crews et al. (2006).

Literatur

Crews, D., W. Lou, A. Fleming & S. Ogawa (2006): From gene networks underlying sex determination and gonadal differentiation to the development of neural networks regulating sociosexual behavior. – Brain Research 1126: 109–121 oder Abstract-Archiv.

Jessop, T. S. & M. Hamann (2004): Hormonal and metabolic responses to nesting activities in the green turtle, Chelonia mydas. – Journal of Experimental Marine Biology and Ecology 308 (2): 253–267 oder Abstract-Archiv.

Roth, T.C. II & A. R. Krochmal (2015): The Role of Age-Specific Learning and Experience for Turtles Navigating a Changing Landscape. – Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2014.11.048 oder Abstract-Archiv.

Tracy, C. R., K. E. Nussear, T. C. Esque, K. Dean-Bradley, C. R. Tracy, L. A. DeFalco, K. T. Castle, L. C. Zimmerman, R. E. Espinoza & A. M. Barber (2006): The importance of physiological ecology in conservation biology. – Integrative and Comparative Biology 46 (6): 1191–1205 oder Abstract-Archiv.

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