Ozgul, A., M. K. Oli, B. M. Bolker & C. Perez-Heydrich (2009): Upper respiratory tract disease, force of infection, and effects on survival of gopher tortoises. – Ecological Applications 19 (3): 786-798.

Obere Atemwegserkrankung, Infektionsdruck und die Auswirkungen auf das Überleben von Gopherschildkröten

Obere Atemwegserkrankung (URTD), die durch Mycoplasma agassizii verursacht werden, werden nach gängiger Hypothese dafür verantwortlich gemacht, zum Rückgang der wild lebenden Populationen der Gopherschildkröte (Gopherus polyphemus) beizutragen. Allerdings sind Infektionsursache (Infektionsdruck; FOI) und die Auswirkungen von URTD auf das Überleben frei lebender Gopherschildkrötenpopulationen unbekannt. Unter Anwendung der Fang-Markierungs-Wiederfang-Methode über vier Jahre (2003-2006) und epidemiologischer Daten, die von 10 Populationen der Gopherschildkröte in Zentralflorida, USA stammten, kalkulierten wir eine FOI (Wahrscheinlichkeit pro Jahr das eine empfängliche Schildkröte auch infiziert wird) und die Auswirkungen von URTD (z. B., Seropositivität für M. agassizii) auf die aktuellen Überlebensraten. Lokalitäten mit hoher (>= 25 %) Seroprävalenz (Anzahl positiver Tiere) zeigten eine deutlich höhere FOI (0,22 +/- 0,03; Mittelwert +/- SE) als Lebensräume mit niedriger (< 25 %) Seroprävalenz (0,04 +/- 0,01). Unsere Ergebnisse liefern die ersten quantitativen Belege dafür, dass die Übertragungsrate für M. agassizii in einer direkten Beziehung zur Seroprävalenz innerhalb der Population steht. Seropositive Schildkröten hatten höhere aktuelle Überlebensraten (0,99 +/- 0,0001) als Seronegative (0,88 +/- 0,03), vermutlich dadurch bedingt, dass seropositive Schildkröten die Individuen repräsentieren, die es geschafft haben die initiale Infektion zu überstehen und die dann eine chronische Erkrankung entwickelten, so dass sie während unserer vierjährigen Erhebung eine geringere Mortalitätsrate aufwiesen. Allerdings gibt es zwei Arten von Beweisen, die vermuten lassen, dass sich eine durch Mycoplasma verursachte URTD auf das Überleben der Schildkröten auswirkt. Erstens gibt es ein einleuchtendes Modell, das zeigt, dass empfängliche (seronegative) Schildkröten in Lokalitäten mit hoher Seroprävalenz sehr niedrige aktuelle Überlebensraten haben, was vermuten lässt dass es sehr akute Auswirkungen bei Erstinfektionen gibt. Zweitens lag die Anzahl Schildkrötenkadaver, die während der jährlichen Vororterhebungen gefunden wurden, in den Lebensräumen mit hoher Seroprävalenz mit 1 bis 5 Kadaver pro 100 Individuen deutlich höher. Wenn (wie unsere Daten vermuten lassen) URTD tatsächlich die Überlebensrate der adulten Schildkröten senkt, könnte das bei einer Spezies, die erst sehr spät geschlechtsreif wird und die eigentlich sehr langlebig ist, auch die Populationsdynamik negativ beeinflussen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Siehe auch Wendland et al. (2007), Karlin (2008), Hunter et al. (2008).
Liest man sich mal die einzelnen Arbeiten zu URTD genau durch, stellt man unweigerlich fest, dass Jungtiere vor der Geschlechtsreife vor einer Infektion noch relativ geschützt sind, auch wenn zumindest eine Studie zeigt, dass Jungtiere schon Antikörper gegen M. agassizii tragen können. Hier stellt sich – zumindest für den Tierhalter/in die Frage – wie viele und welche Erkrankungen sind bei Schildkröten sexuell übertragbar und ist dies nicht oft der Hauptweg für Infektionen? Denn wie oft hört man zum Beispiel auch von Haltern Europäischer Landschildkröten, dass sich die Tiere ganz normal entwickelten und aufziehen ließen, aber seit sie anfangen zu paaren, zeigen sie feuchte Nasen etc. Sicher, auch Paarungsstress kann dazu beitragen, dass sich immer vorhandene opportunistische Erreger verstärkt vermehren oder die Tiere so beeinträchtigen, dass sie Symptome zeigen. Allerdings in Beständen, wo auch schon Alttiere Symptome haben, die erst bei Erreichen der Geschlechtsreife auch beim Nachwuchs auftauchen, sollte man wirklich im Hinblick auf eine langfristig angelegte Zuchtplanung überlegen, ob man nicht versuchen sollte, mit symptomfreien Jungtieren möglichst gesunde Parallelzuchtgruppen aufzubauen.

Literatur

Karlin, M. (2008): Distribution of Mycoplasma agassizi in a Gopher Tortoise population in south Florida. – Southeastern Naturalist 7: 145-158 oder Abstract-Archiv.

Hunter, K. W. Jr., S. A. Dupré, T. Sharp, F. C. Sandmeier & C. R. Tracy (2008): Western blot can distinguish natural and acquired antibodies to Mycoplasma agassizii in the desert tortoise (Gopherus agassizii). – Journal of Microbiological Methods 75 (3): 464-471 oder Abstract-Archiv.

Wendland, L. D., L. A. Zacher, P. A. Klein, D. R. Brown, D. Demcovitz, R. Littell & M. B. Brown (2007): An improved ELISA for Mycoplasma agassizii exposure: A valuable tool in the management of environmentally sensitive tortoise populations. – Clinical and Vaccine Immunology 14 (9): 1190-1195 oder Abstract-Archiv.

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