Nikolic, S., A. Golubovic, X. Bonnet, D. Arsovski, J.-M. Ballouard, R. Ajtic, B. Sterijovski, V. Ikovic, A. Vujovic & L. Tomovic (2018): Why an apparently prosperous subspecies needs strict protection? The case of Testudo hermanni boettgeri from the central Balkans. – Herpetological Conservation and Biology 13(3): 673–690.

Warum eine offensichtlich guterhaltene Unterart konsequenten Schutz braucht: Der Fall von Testudo hermanni boettgeri auf dem zentralen Balkan.

Nach den Angaben der Internationalen Union zur Erhaltung der Natur (IUCN) sind mehr als die Hälfte aller Schildkrötenspezies ernsthaft gefährdet. Habitatverluste und der illegale Tierhandel leisten einen substantiellen Beitrag zu dieser negativen Entwicklung. Sehr seltene und stark bedrohte Taxa kommen häufig in den Genuss eines formalen Schutzes während Taxa deren Populationen noch relativ groß sind meist unberücksichtigt bleiben, obwohl sich auch für sie besorgniserregende Entwicklungen abzeichnen. Die beiden Unterarten der Griechischen Landschildkröte (Testudo hermanni) liefern für diesen Unterschied ein gutes Beispiel: Die westliche Unterart (T. h. hermanni) ist sehr selten geworden während die östliche Unterart (T. h. boettgeri) noch relativ häufig in den geeigneten Habitaten vorkommt. Die IUCN listet nun die gesamte Art als gefährdet (Near Threatened). In der Praxis wird aber die westliche Unterart als hochgradig vom Aussterben bedroht (endangered) angesehen und geschützt, wohingegen die Überprüfung des Erhaltungsstatus für die östliche Unterart bislang fehlt. Unter Benutzung der Felddaten die für fünf Populationen von T. h. boettgeri aus drei Balkanstaaten vorliegen verfolgen wir das Ziel diese Lücke zu schließen. Populationsüberlebensanalysen (PVAs) legen nahe, dass selbst große und dichte Populationen die noch geeigneten Habitate besiedeln durch das übermäßige Absammeln von Tieren innerhalb weniger Jahre vom Aussterben bedroht sind. Natürliche Ursachen (z. B. höhere Sterberate bei den Weibchen) oder stochastische (katastrophenartige Zufallsereignisse) Ereignisse wie Waldbrände können insbesondere isolierte Populationen sehr stark beeinträchtigen. Die unsicheren Überlebensaussichten dieser hier untersuchten T. h. boettgeri Populationen lassen erhebliche Zweifel über deren Überlebensstabilität aufkommen. Für diese Unterart ist es wichtig sie vor dem Schicksal ihrer westlichen Unterart zu bewahren, deshalb schlagen wir der IUCN vor sie ebenfalls in die Kategorie Starkbedroht (Vulnerable) über ihr gesamtes Verbreitungsgebiet hinweg höher zu stufen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Da kann man sich den Autoren eigentlich nur anschließen, denn es wäre wirklich schade, wenn hier in Bezug auf deren Schutz auch wieder solange gewartet würde bis nur noch kleine stark fragmentierte kaum aus eigener Kraft überlebensfähige Populationen übrig wären. Allerdings muss man gerechter Weise auch dazu sagen, dass die späte Erfassung dieser Populationen wohl eher eine politische Ursache hatte, da eben diese Balkanstaaten bis vor wenigen Jahren noch einem anderen politischen System angehörten. Dennoch berücksichtigen die Autoren hier zwei wesentliche Dinge nicht und begehen wie ich denke auch einen Denkfehler. Zum einen ist es wie ich aus eigener Erfahrung weiß heute nicht mehr die illegale Tierentnahme die die Populationen auf dem Balkan gefährdet, wobei man auch noch berücksichtigen muss, dass dort früher Schildkröten von der Bevölkerung gegessen wurden, was wahrscheinlich zur Ausrottung der Populationen mit sehr großen Exemplaren der Maurischen Landschildkröte beigetragen hat was aber die meisten Populationen insgesamt noch gut bis dahin verkraften konnten. Heute beobachtet man dort einen im früheren westlichen Europa lange vernachlässigten Prozess der die Herpetofauna insgesamt viel stärker gefährdet als es frühere Tierentnahmen getan haben. Wir beobachten heute eigentlich, dass viel mehr Schildkröten und andere Reptilien und Amphibien sowie Bodenbrüter durch eine zunehmend veränderte Landnutzung bedroht werden. Mais und Rapsfelder sind nun mal nicht mehr als geeignete Habitate zu bezeichnen. Ebenso wie Golfplätze und großflächige Hotelanlagen sowie expandierende Städte die geeigneten Macchiehabitate die durch Ziegen- und Schafhirten offengehalten wurden komplett als Biotope unbrauchbar machen. Mit der damit einhergehenden Verkehrszunahme erhöhen sich die Verluste durch Straßentod gerade für Tiere die weite Strecken auf der Suche nach geeigneten Nistplätzen zurücklegen müssen. Allein das durch die landwirtschaftliche Nutzung (Feldfrüchte, Getreide) erhöhte Nahrungsangebot lässt die Wildschweinpopulationen so rasant ansteigen, dass diesen omnivoren Prädatoren auch mehr Gelege und Jungtiere als früher zum Opfer fallen. Ja und wie ich das auch schon des Öfteren angesprochen hatte (siehe Kommentare zu Armstrong et al., 2018; Vilardell-Bartino et al., 2012) macht sich auch der Einsatz von Herbiziden und Pestiziden in der Landwirtschaft langsam bemerkbar, denn auch in den Balkanstaaten nimmt deren großflächiger Einsatz rasant zu ohne dass es entsprechende Untersuchungen zu deren nachteiligen Auswirkungen begleitend durchgeführt würden. Wenn man alle diese Fakten die man heute für die französischen und spanischen Gebiete in denen noch Reliktpopulationen von T.h.h. vorkommen als nachteilig und bedrohend ausfindig macht (siehe Vilardell-Bartino et al., 2012; 2008) mal ernst nimmt würde ich sagen wäre es doch eigentlich fast noch wichtiger als vor Tierentnahmen zu warnen nach Untersuchungen zu fragen die belegen wie schädlich sich diese verändernden Landnutzungspraktiken auswirken. Zumal hier hätte man auch die Chance die Fehler die man früher in Westeuropa vielleicht auch aus Unwissenheit gemacht hat nicht zu wiederholen. Aber dazu wären auch ein politischer Wille und eine entsprechende Lobbyarbeit notwendig. Was mich aber wie hier auch daran zweifeln lässt denn die obige von eigentlich gestanden ökologisch interessierten Biologen durchgeführte Arbeit spricht diese mehr ganzheitliche Sichtweise gar nicht an. Ist das Berufsblindheit oder geht das nach dem Prinzip: Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing? (Falls die Finanzierung durch den Staat oder gar die Agrarindustrie erfolgt). Oder ist es einfach nur bequem stereotyp immer ins gleiche Horn zu blasen, da illegale „Tierentnehmer“ sich kaum gegen die Anprangerung wehren. Ich kann mir zwar vorstellen, dass man in Nordafrika noch Maurische Landschildkröten illegal an Touristen verkaufen will aber die Tierentnahmen hier in Europa dürften wohl im Vergleich zu früher kaum mehr diese Bedeutung wie früher haben.

Literatur

Armstrong, D. P., M. G. Keevil, N. Rollinson & R. J. Brooks (2018): Subtle individual variation in indeterminate growth leads to major variation in survival and lifetime reproductive output in a long-lived reptile. – Functional Ecology 32: 752-761 oder Abstract-Archiv.

Vilardell-Bartino, A., X. Capalleras, J. Budo & P. Pons (2012): Predator identification and effects of habitat management and fencing on depredation rates of simulated nests of an endangered population of Hermann’s tortoises. – European Journal of Wildlife Research 58: 707–713 oder Abstract-Archiv.

Vilardell-Bartino, A., X. Capalleras, J. Budo, F. Molist & P. Pons (2008): Test of the efficacy of two chemical repellents in the control of Hermann's tortoise nest predation. – European Journal of Wildlife Research 54 (4): 745-748 oder Abstract-Archiv.

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