Newton, A. C. (2011): Implications of Goodhart's Law for monitoring global biodiversity loss. – Conservation Letters 4: 264–268.

Auswirkungen durch die Anwendung von Goodharts-Gesetz in Bezug auf die Erfassung des Biodiversitätsverlusts.

Seit kurzer Zeit werden zunehmend Anstrengungen unternommen, um Indikatoren herauszuarbeiten, die dazu dienen, den Biodiversitätsverlust zu erfassen. Die Anregung (Motivation) dazu basiert auf der Definition der Zielvorgaben z. B. des „2010 Ziels“. Solche Anstrengungen haben alle nicht Goodharts-Gesetz berücksichtigt, welches besagt, – dass zu dem Zeitpunkt, zu dem ein Indikator zu einer politischen Zielvorgabe erhoben wird, die Informationen verloren gehen, die notwendig wären, um auch weiterhin als Indikator dienen zu können. Die Auswirkungen von Goodharts-Gesetz auf die Biodiversität sind unklar. Wir untersuchten hier, wie sich Goodharts-Gesetz auswirkt, wenn man es bei der Erfassung der Biodiversität berücksichtigt und bezogen es ganz explizit auf jene Referenzspezies, die in der Roten Liste der IUCN (Red List Index (RLI)) geführt werden. Nach dem Goodharts-Gesetz sollte die Benutzung der Arten aus der Roten Liste als Indikatoren dazu führen, dass man die Erhaltungs- und Schutzmaßnahmen auf die Indikatoren ausrichtet und gleichzeitig die Maßnahmen für nachfolgende Erhebungen für die Rote Liste verändert (gemeint ist, dass man sie so durchführt, dass speziell nach den gelisteten Arten gesucht wird), wobei diese nun mehr zielgerichteten Erhebungen dem eigentlichen Ziel einer neutralen (unvoreingenommenen) Untersuchung der Artenvielfalt widersprechen. Deshalb plädieren wir dafür, dass die Definition von Zielarten für Erhaltungsmaßnahmen und die Schutzpolitik sowie die damit einhergehende Festlegung von Indikatorarten nur unter größter Sorgfalt und Zurückhaltung erfolgen sollte. Im Speziellen sollte darauf geachtet werden, dass man um die Erhebungen zum Globalen Biodiversitätsverlust objektiv zu halten, die notwendigen Maßnahmen so gestaltet, dass sie weder durch Manipulationen bei der Festlegung von Indikatorarten noch durch die Indikatorarten selbst einen manipulativen Einfluss auf die Nachfolgeerhebungen unterliegen, sodass weiterhin gewährleistet wird, dass die Informationen, die solche Erfassungsmaßnahmen liefern, verlässlich bleiben.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese zugegeben abstrakt anmutende Arbeit zielt nun nicht direkt auf Schildkröten ab, sondern auf alle gefährdeten Arten, so dass wir Schildkrötenliebhaber hoffentlich in der Vorweihnachtszeit auch wieder etwas Zeit zum abstrakten Philosophieren über den „Tellerrand hinaus“ finden. Die vorliegende Arbeit adressiert aber wieder einmal ein rein menschliches Problem, denn gerade unsere politischen Entscheidungsträger und auch sicher die breite Öffentlichkeit wollen bestimmte oft plakativ „greifbare“ Zielarten anhand derer man die Schutzwürdigkeit eines Biotops oder eines Schutzgebiets festmachen kann. Denn auch Natur- und Artenschutz kosten Geld und selbst Spenden bekommt man meist nicht dafür, dass man „Alles“ sprich ein ganzes Ökosystem schützen will, sondern z. B. für die Erhaltung der auf dem Plakat abgebildete Orang Utan Mutter mit ihrem Kind im Arm, um es mal plakativ und werbestrategisch auszudrücken. Allerdings und da haben die Autoren dieser Arbeit durchaus recht, ist Letzteres eigentlich unser eigenes menschliches Problem. Denn wir sind es, die unsere eigenen subjektiven Vorlieben haben, die/der eine eben Orangs, die anderen vielleicht Schildkröten. Allerdings, wenn wir die Erhebungsuntersuchungen zur Erfassung des Biodiversitätverlusts an solchen Zielarten ausrichten, dann führt man keine objektive Erhebung mehr durch, sondern wählt von vornherein die Vorgehensweise so, dass man die Zielart nach Möglichkeit erfasst (z. B. man setzt auf bestimmte Arten trainierte Spürhunde ein. Siehe Ly et al. 2011, Platt et al. 2003). Wenn man dies über einen gewissen Zeitraum macht, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie viele andere Spezies man dabei außen vor lässt, die sogar gefährdeter sein können, als die nun schon seit Jahren geschützte Art. Noch problematischer kann es werden, wenn man nach autökologischer Manier daran geht in einem Schutzgebiet Landschaft verändernde Maßnahmen durchzuführen, um den Lebensraum für die Zielart zu verbessern, aber die Veränderungen dazu führen, dass andere Arten dadurch gefährdet oder gar ausgerottet werden. Das kann sogar unbewusst geschehen, weil man diese so genannten „Anderen Arten“ gar nicht kennt oder mitberücksichtigt hat, weil man sich seit Jahren nur noch auf die Zielart fokussiert hatte. Ich denke, dass viele derartige Probleme daraus entstehen, dass wir den synökologischen Aspekt, weil für viele zu kompliziert und undurchsichtig, gern außer acht lassen und selbst in der professionellen Wissenschaftsbiologie oft fein säuberlich zwischen Botanik und Zoologie trennen. Dabei sollten uns eigentlich so „einfache“ Organismen wie die Honigbiene selbst beim Frühstück daran erinnern, dass sowohl Tiere wie auch die Pflanzen eine funktionelle Einheit bilden, die uns im speziellen Fallbeispiel einen leckeren Brotaufstrich liefern! Dennoch ist eines der verständlichsten und wohl allgemeingültigsten Beispiele dafür immer noch der Ernährungsaspekt, denn auch zum Erhalt einer Zielart ist es unerlässlich die Nahrungskette, von der sie abhängig ist, mit zu erhalten. Deshalb macht es auch keinen Sinn, Zielarten überproportional erhalten zu wollen und den Erfolg von Schutzmaßnahmen nur an der Steigerung der zu erhaltenden Individuenzahl fest zumachen. Denn die Grenzen sind durch die Nahrungsketten vorgegeben und die Maßnahmen brechen meist dann rapide ein, wenn eine Art so stark angewachsen ist, dass für deren Futterpflanzen durch z. B. Überweidung die Überlebensmöglichkeiten schrumpfen. Zum Thema siehe auch: Kommentar zu: Bertolero et al. (2007); Del Vecchio et al. (2011).

Literatur

Bertolero, A., D. Oro, & A. Besnard (2007): Assessing the efficacy of reintroduction programmes by modelling adult survival: the example of Hermann's tortoise. – Animal Conservation 10 (3): 360–368 oder Abstract-Archiv.

Del Vecchio, S., R. L. Burke, L. Rugiero, M. Capula & L. Luiselli (2011): The turtle is in the details: microhabitat choice by Testudo hermanni is based on microscale plant distribution. – Animal Biology 61: 249–261 oder Abstract-Archiv.

Ly, T., Hoang, H. D. & B. L. Stuart (2011): Market turtle mystery solved in Vietnam. – Biological Conservation 144: 1767–1771 oder Abstract-Archiv.

Platt, S. G., W. K. Ko, L. L. Khiang, K. M. Myo, T. Swe, T. Lwin & T. R. Rainwater (2003): Population status and conservation of the critically endangered Burmese star tortoise Geochelone platynota in central Myanmar. – Oryx 37: 464–471 oder SiF 1(3) 2004.