Moore, J. A. & A. Dornburg (2014): Ingestion of Fossil Seashells, Stones and Small Mammal Bones by Gravid Gopher Tortoises (Gopherus polyphemus) in South Florida. – Bulletin of the Peabody Museum of Natural History 55(1): 55–63.

Das Fressen von fossilen Muschelschalen, Steinen und kleinen Tierknochen bei eiertragenden Gopherschildkröten (Gopherus polyphemus) in Südflorida.

DOI: 10.3374/014.055.0105

Die Beobachtung, dass Wirbeltiere ihre Nahrung durch das Fressen von so genannten Gastrolithen bereichern, wurde mehrfach für eine Vielzahl verschiedenster Tiere wie Vögel, Krokodile und sogar bei Dinosauriern beobachtet und dokumentiert. Obwohl diese Beobachtungen nicht ungewöhnlich sind, so wird dieses Verhalten durch eine Vielzahl Faktoren beeinflusst, dazu gehört die Bekämpfung von Endoparasiten (Darmparasiten), die Magenreinigung oder auch die Kalziumsupplementierung während der Eierschalenbildung. Da die pflanzliche Nahrung häufig sehr mineralarm ist, könnte das Fressen von Gastrolithen zur Kalziumergänzung einen wichtigen Bestandteil für die Reproduktionsbiologie von eierlegenden herbivoren Reptilien darstellen. Obwohl schon mehrfach für einige tragende Weibchen herbivorer Reptilien beobachtet wurde, dass sie bevorzugt nach kalkhaltigen Gastrolithen suchen, so blieb bislang doch unbekannt, ob und wie häufig von graviden Weibchen bei verschiedenen Arten Gastrolithen genutzt werden. Wir verwendeten Freilandbeobachtungen in Kombination mit Röntgenuntersuchungen, um das Muster des Gastrolithenfressens bei adulten weiblichen Gopherschildkröten (Gopherus polyphemus), einer herbivoren Art der testudinoiden Schildkröten zu untersuchen. Die nachgewiesenen Gastrolithen bestanden aus Muschel- und Schneckenschalen, Kalkgestein, dem Kot von karnivoren Tieren und den darin enthaltenen Knochen. Die Häufigkeit der Gastrolithenaufnahme unterschied sich signifikant zwischen tragenden Weibchen und nicht tragenden Schildkröten. Wir vermuten, dass das Verhalten der gezielten Gastrolithenaufnahme zur besseren Versorgung mit Kalzium während der Eierschalenbildung dient und somit einen wesentlichen Teil der weiblichen Reproduktionsbiologie bei dieser Art ausmacht.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit liefert neben etlichen Farbabbildungen eine ausgesprochen umfangreiche Literaturübersicht zum Thema, wobei alle erdenklichen Formen der Gastrolithennutzung durch verschiedenste Spezies angesprochen werden. Auch gehen die Autoren in der Diskussion auf das Fressen von bestimmten Erden ein, die zur Aufnahme und Ausscheidung toxischer Substanzen von Tieren genutzt werden, aber im Wesentlichen, um darzulegen, dass das für die hier beobachteten Schildkröten nicht zutreffen kann, weil deren sandiger Lebensraum solche Substrate nicht bietet und zudem durch die Rückstände der Kiefernnadeln und Eichenblätter ausgesprochen sauer ist. Hier wird aber klar, die Aufnahme kalkhaltiger fester, mineralischer Nahrungsbestandteile durch trächtige Landschildkrötenweibchen belegt, was zudem auch durch die Beobachtung von (Walde et al. 2007) unterstützt wird (siehe auch Bidmon 2009, Jennemann 2010). Nun muss man sicher zwischen den jeweiligen Habitaten Unterschiede machen, da sich der Mineralgehalt der Futterpflanzen je nach Bodenzusammensetzung unterscheiden mag, dennoch sei hier angemerkt, dass die Autoren bei ihrer Literaturauswertung durchaus darauf verweisen, dass pflanzliche Nahrung generell ärmer an Mineralien ist als tierische Nahrung. Etwas das es durchaus auch bei der Versorgung unserer Pfleglinge in der Tierhaltung zu berücksichtigen gilt. Da es solch detaillierte Untersuchungen für die Europäischen Schildkrötenarten derzeit noch nicht gibt, da meist nur die Aufnahme von tierischen Kadavern wissenschaftlich beschrieben ist (siehe auch Iftime & Iftime 2012) muss man aber davon ausgehen, dass für die europäischen Arten ähnliches zutrifft, denn auch dort finden wir diese Unterschiede in den Lebensräumen, wobei einige dem, was hier von den Autoren beschrieben wird, sehr nahe kommen (siehe z.B. Bidmon 2013). Wie wichtig eine optimale Vitamin-D- und Mineralversorgung gerade für sich reproduzierende, erwachsene Reptilien, einschließlich der Schildkröten ist, wurde bereits mehrfach beschrieben (siehe Bidmon 2006).

Literatur

Bidmon, H.-J. (2006): Die Aufzucht und Ernährung europäischer Landschildkröten – Grundlagen und Rezepte, Futtermittel und Zusatzstoffe. – S. 117–136 in Daubner, M & T. Vinke (Hrsg.): Testudo – Häufig gehaltene Arten. – Schildkröten im Fokus Sonderband. – Bergheim (dauvi-Verlag).

Bidmon, H.-J. (2009): Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht. – Schildkröten im Fokus 6(1): 3–26.

Bidmon, H.-J. (2013): Schildkröten in den Dünen entlang des Ropotamo: Ein Lebensraum geprägt von ausgiebigem Morgentau zwischen Sand und Eichenlaub. – Schildkröten im Fokus 10(1): 25–34.

Iftime, A. & O. Iftime (2012): Long term observations on the alimentation of wild Eastern Greek Tortoises Testudo graeca ibera (Reptilia: Testudines: Testudinidae) in Dobrogea, Romania. – Acta Herpetologica 7: 105–110 oder Abstract-Archiv.

Jennemann, G. (2010): Lithophagie bei Schildkröten. – Schildkröten im Fokus 7(3): 10–25.

Walde, A. D., D. K. Delaney, M. L. Harless & L. L. Pater (2007): Osteophagy by the desert tortoise (Gopherus agassizii). – Southwestern Naturalist 52(1): 147–149 oder Schildkröten im Fokus 4(4), 2007<.

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