Martin, J., I. Marcos & P. Lopez (2005): When to come out from your own shell: risk-sensitive hiding decisions in terrapins. – Behavioural Ecology and Sociobiology 57(5): 405-411.

Wann gilt es aus dem eigenen Panzer hervorzukommen: Eine risiko-abhängige Rückzugsentscheidung bei Schildkröten

DOI: 10.1007/s00265-004-0887-1 ➚

Maurische Bachschildkröte, Mauremys leprosa – © Hans-Jürgen Bidmon
Maurische Bachschildkröte,
Mauremys leprosa,
© Hans-Jürgen Bidmon

Tiere müssen ihre Entscheidungsfindung dahingehend optimieren, wann es richtig ist, nach der überlebten Auseinandersetzung mit einem Beutegreifer wieder aus ihrem Versteck hervor zu kommen, denn versteckt zu bleiben, kann teuer sein (Energieverlust etc nach sich ziehen). Zahlreiche Beutetiere laufen und verstecken sich in schützenden Höhlen innerhalb ihres Habitats, während andere sessile Formen sich mit einer sie schützenden Struktur umgeben. Eine intermediäre Situation findet sich bei Tieren wie den Schildkröten, die eine morphologische Schutzstruktur mit sich herumtragen, die teilweisen Schutz bietet, wobei sie zudem auch noch aktiv zu sichereren Plätzen flüchten können z. B. ins Wasser. Dieser Umstand könnte die Versteckentscheidungsfindung komplizieren, wie sich aus der Hypothese zur „Optimalen Verstecknutzung“ ableiten lässt. Deshalb untersuchten wir die Antiprädatortaktik (Gefahrvermeidungsverhalten) bei der Maurischen Bachschildkröte, Mauremys leprosa als Antwort auf simulierte Attacken von Beutegreifern mit bestimmten Charakteristika, z. B. einer Kombination mehrerer Risikofaktoren bzw. wechselnden Bedingungen z. B. verschiedenen Entfernungen zu einer sicheren Versteckmöglichkeit, wobei wir davon ausgingen, das diese Bedingungen die Tiere zu einer Gesamtrisikoabwägung stimulieren. Spezifisch beurteilten wir das Maß der Risikoeinschätzung anhand der Zeit, die die Tiere zurückgezogen im Carapax verbrachten, bis zu dem Punkt, wo sie aktiv die Flucht ergriffen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Schildkröten in der Lage waren, ihr Fluchtverhalten der Risikolage anzupassen, wobei sie unter bestimmten Bedingungen trotz des noch anwesenden simulierten Beutegreifers aus dem Carapax herauskamen, um aktiv zu flüchten. Da allerdings ein längeres inaktives Zurückziehen in den Carapax dem Beutegreifer auch mehr Zeit einräumt und somit das Risiko erhöht, dass er doch noch einen Weg findet, an die Beute zu gelangen, scheint die Möglichkeit sich zwischen reinem inaktiven Zurückziehen und der aktiven Flucht zu sichereren Verstecken z. B. Wasser die Rückzugszeit zu beeinflussen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Spitze ist, dass Tierpsychologen oft Hypothesen testen, die durch einfache Verhaltensbeobachtungen vorhersagbar sind. Der offensichtliche Vorteil ist dabei, dass wir jetzt ein Maß für bestimmte Risikosituationen haben, die sich allerdings nur in Sekunden, Minuten oder Stunden des Zurückziehens in den Carapax oder in sofortiger Flucht ausdrücken lassen. Fazit: Rennt die Schildkröte sofort weg, können wir konkludieren, dass sie von panischer Angst getrieben wird, – oder sitzt sie vielleicht nur so dicht vor ihrer Höhle, „dass sie sich denkt“, auf die Entfernung renne ich dem auch noch weg?

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