Itescu, Y., N. E. Karraker, P. Raia, P. C. H. Pritchard & S. Meiri (2014): Is the island rule general? Turtles disagree. – Global Ecology and Biogeography 223 (6): 689–700.

Ist das Inselgesetz allgemeingültig? Schildkröten sprechen dagegen.

Ziel
Das Inselgesetz beschreibt einen Entwicklungstrend, der auf Inseln dazu führt, dass sich Zwergenformen von ursprünglich großen Tieren und Riesenformen von kleinen Tieren entwickeln. Studien an Wirbeltieren einschließlich der Reptilien liefern widersprüchliche Ergebnisse in Bezug auf die Allgemeingültigkeit dieses Evolutionsmusters. Wir untersuchten die Größenentwicklung bei Inselformen der Schildkröten auf einem intra- und interspezifischen Niveau und auf dem Niveau der Klade. Wir untersuchten das Evolutionsmuster in Beziehung zu den Habitatpräferenzen und der Größe der Schildkröten auf ihren Inseln dahingehend, ob das Inselgesetz auch auf sie zutrifft.

Untersuchungsorte
Inseln auf der ganzen Welt und den dazugehörenden Kontinenten.

Methoden
Wir sammelten Literaturdaten und erweiterten unsere Datenbank zusätzlich durch die Vermessung von Museumspräparaten. Wir benutzten eine reduzierte Hauptachsenregression, um das Inselgesetz sowohl auf der interspezifischen als auch auf der intraspezifischen Ebene zu testen, wobei wir die phylogenetischen Aspekte korrigierend berücksichtigten. Zusätzlich verglichen wir die Häufigkeit, mit der eine bestimmte Körpergröße zwischen den Inselpopulationen und Festlandpopulationen auf der Ebene der Klade auftritt.

Ergebnisse
Unsere Analysen unterstützen das Inselgesetz für Schildkröten nicht. Auf der intraspezifischen Ebene fanden wir kein systematisches Muster für die Evolution der Körpergröße. Auf der interspezifischen Ebene zeigte sich für große Schildkröten eine Tendenz zur Größenzunahme auf Inseln, was im Gegensatz zu den vom Inselgesetz abgeleiteten Vorhersagen steht. Inseln beherbergen im Allgemeinen größere Schildkröten als das Festland. Dieses Muster gilt besonders wenn man die kürzlich ausgestorbenen Arten mitberücksichtigt. Wir fanden ebenso keinen Einfluss der Habitatpräferenzen auf die Evolution der Körpergröße auf Inseln.

Wesentliche Schlussfolgerungen
Schildkröten, die auf Inseln leben, befolgen nicht das Inselgesetz. Wir vermuten, dass sowohl physiologische als auch ökologische Faktoren die Körpergrößenevolution bei Schildkröten auf Inseln bestimmen und ihre Tendenz zum Inselgigantismus fördern. Große Schildkröten können auf kleinen ozeanischen Inseln längere Perioden überdauern, in denen es an Nahrung und Wasser mangelt. Zunehmende intraspezifische Konkurrenz und eine reduzierte interspezifische Konkurrenz und der Beutegreiferdruck auf Inseln können die Größenzunahme begünstigen. Eine nicht zu widerlegende Erklärung besagt, dass das Vorkommen von Riesenschildkröten eher auf einen Gründereffekt zurückgeht, als auf einen evolutiven Prozess, da große Schildkröten besser Inseln besiedeln können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Manchmal frage ich mich, ob es nichts Wichtigeres in der heutigen Zeit gibt, als sich mit derartig theoretischen Fragen auseinanderzusetzen? Im Grunde genommen leuchtet mir dieses Inselgesetz, wenn überhaupt, nur für Warmblüter ein, da sie unter ganz anderen energetischen Zwängen überleben müssen als wechselwarme Tiere. Und ob die letzte, nicht zu beweisende Erklärung zutrifft oder nicht, ist auch egal. Wenn große Schildkröten länger hungern und dursten können, dann haben sie auch größere Chancen lange Strecken der Verdriftung übers Meer zu überleben als kleine Arten. Siehe auch Gerlach et al. (2006).

Literatur

Gerlach, J., C. Muir & M. D. Richmond (2006): The first substantiated case of trans-oceanic tortoise dispersal. – Journal of Natural History 40 (41–43): 2403–2408 oder Abstract-Archiv.

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