Howe, M., N. N. FitzSimmons, C. J. Limpus & S. M. Clegg (2018): Multiple paternity in a Pacific marine turtle population: maternal attributes, offspring outcomes and demographic inferences. – Marine Biology 165(1): 2.

Multiple Vaterschaften bei einer pazifischen Schildkrötenpopulation: Mütterliche Attribute, Folgen für die Nachkommen und demographische Interferenzen.

DOI: 10.1007/s00227-017-3258-y

Unterschiede im Ausmaß von multiplen Vaterschaften (MP) zwischen Spezies, Populationen und Individuen haben wichtige ökologische und evolutionäre Auswirkungen einschließlich der Aufrechterhaltung der genetischen Diversität und Vorteile in Bezug auf die Fitness der Nachkommen. Innerhalb einer Art können sich Unterschiede bei der Fortpflanzungserfahrung sowie Unterschiede bei der elterlichen Körpergröße auf das Ausmaß der MP auswirken was insbesondere die Partnerwahl beeinflussen kann. Die hier vorliegende Studie untersuchte diese Faktoren bei der australischen Population an Unechten Karettschildkröten (Caretta caretta) am Strand von Mon Repos (24°48°Süd, 152°27°Ost, Queensland) um herauszufinden ob die Unterschiede in Bezug auf die MP im Zusammenhang mit der Fortpflanzungsgeschichte der Weibchen oder ihrer Körpergröße stehen oder ob die MP einen Einfluss auf die Embryonalentwicklung und die Schlüpflinge hat. Dazu wurden Gelege von 29 Weibchen mit insgesamt 552 Schlüpflingen untersucht. Die Rate für die MP lag bei moderat hohen 65.5%, aber erfahrene Weibchen zeigten keine höhere MP–Rate im Vergleich Weibchen die zum ersten Mal ablegten (Neophyten). Zudem korrelierte die Körpergröße nicht mit der Anzahl der am Gelege beteiligten Väter. Allerdings beobachteten wir viel mehr subtilere Muster: Von mehreren Vätern befruchtete Gelege von erfahrenen Weibchen beinhalteten meist mehr Väter als jene der Neophyten. Ebenso befruchteten die Erstväter einen größeren Anteil an Nachkommen wenn es sich um größere Weibchen handelte. Diese Ergebnisse stimmen überein mit dem Muster einer Spermaspeicherung über mehrere Nistsaisons bei erfahren Weibchen was dazu führt, dass es zu kleinen Unterschieden in Abhängigkeit in Bezug auf die Vaterschaften und in Bezug zur Weibchengröße innerhalb dieser polygamen Paarungsgemeinschaft kommt. Die MP hatte keine Auswirkungen auf die Schlüpflingsgröße oder das Ausmaß der morphologischen Schlüpflingsunterschiede innerhalb eines Geleges oder auf den Schlupferfolg. Allerdings korrelierte die Anzahl der an einem Gelege beteiligten Väter positiv mit der Anzahl der sich entwickelnden Embryonen. Was nahelegt, dass die MP Fitnessvorteile hat. Aus Sicht der Populationsentwicklung könnten hin zu mehr Männchen verschobene Geschlechterverhältnisse das hier beobachtete Ausmaß an MP’s bedingen und das Ausmaß kann absinken wenn es zu einem mehr von Weibchen dominierten Geschlechterverhältnis in Folge des Klimawandels kommt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Studie ist ein weiteres Indiz dafür wie wichtig genetische Diversität für Schildkröten zu sein scheint. Etwas das hier schon öfter diskutiert wurde und dass sicher auch mit ein Aspekt ist der die Anpassungsfähigkeit der Chelonidae wesentlich mit geprägt hat, sodass wir heute über ihren über 229 Millionenjahre zurückreichenden Stammbaum zurückblicken können. Letzteres deutet sich in der obigen Arbeit durch folgende hervorzuhebende Beobachtungen an: Erstens das anscheinend größere (evt. Ältere Weibchen) sich mit neuen Männchen die zum ersten Mal paaren kopulieren also instinktiv die Diversität ihrer Nachkommen steigern und zweitens, dass von mehreren Vätern befruchtete Gelege einen höheren Schlupferfolg haben. Ich denke dies sollte man im Rahmen von Erhaltungsprogrammen nicht unberücksichtigt lassen (siehe auch Bidmon, 2017 und die dort zitierte Literatur). Zudem wird deutlich wie schwer bei solch langlebigen Tieren die wahren Vorteile dieser Paarungssysteme zu erfassen sind, denn wenn man nur auf die Gelegegröße, die Embryonenzahl und die letztendlich tatsächlich geschlüpften Schlüpflinge schauen kann, bleibt noch viel eventuell Vorteilhaftes im Verborgenen. Die wesentlichen Vorteile in Bezug auf den Populationserhalt und die Arterhaltung zeigen sich eigentlich erst viel später beim Reproduktionserfolg dieser Nachkommen (siehe Kommentar zu Lee & Hays, 2004). Im Grunde genommen verweist die Arbeit aber auch wieder darauf, dass manche Aspekte dieser Gegebenheiten immer noch unzureichend verstanden sind und manchmal fehlinterpretiert werden. Denn wenn es die größeren erfahrenen Weibchen die Gelege die von weit mehr Männchen befruchtet sind ablegen, dann deutet das an, dass es sich um jenen Weibchenanteil handelt der aktiv Partnerwahl betreiben kann, wenn dies dann zu solch einem Paarungsmuster führt, dann muss man entweder davon ausgehen, dass es für die Kostennutzenabwägung der Weibchen vorteilhaft ist oder, dass die Weibchen zu einer sehr langen Spermaspeicherung befähigt sind, wobei die größeren, älteren Weibchen eben über die Jahre trotz nur weniger aktueller Paarungen Gelege mit Eiern die von mehreren Männchen befruchtet wurden ablegen. Hier bei dieser Studie ist nur klar belegt, dass sich in solchen Gelegen auch mehr befruchtete Eier befinden in denen sich Embryonen entwickeln, was nicht heißt, dass auch alle schlüpfen wenn während der Entwicklungszeit ungünstige Umweltbedingungen sich auf die Gelege auswirken aber die Chance das mehr schlüpfen würden wenn alles optimal verläuft ist auf alle Fälle schon mal erhöht.

Literatur

Bidmon, H.-J. (2017): Sind phylogenetische Stammbäume nur ein Traum? – Schildkröten im Fokus 14(1): 14–27.

Lee, P. L. M. & G. C. Hays (2004): Polyandry in a marine turtle: Females make the best of a bad job. – Proceedings of the National Academy of Science of the U.S.A. 101: 6530–6535 oder Abstract-Archiv.

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