Currylow, A. F., B. J. MacGowan & R. N. Williams (2012): Short-Term Forest Management Effects on a Long-Lived Ectotherm. – PLOS ONE 7(7): e40473.

Kurzfristige Forstmanagementmaßnahmen und ihre Auswirkungen auf eine langlebige Ektotherme.

DOI: 10.1371/journal.pone.0040473

Wie bekannt hat Holzeinschlag sowohl positive als auch negative Auswirkungen für im Wald lebende Spezies. Wir untersuchten hier die unmittelbaren Auswirkungen des Holzeinschlags (gebietsweise Kahlschläge) auf das Verhalten von Ektothermen, wobei die östliche Dosenschildkröte als Modelltier herangezogen wurde. Wir erfassten mit Radiotelemetrie in der zentralen Hartholzregion der U.SA zwei Jahre vor einem geplanten Holzeinschlag sowie zwei Jahre danach die Bewegungen und Thermalökologie 50 adulter Dosenschildkröten zwischen Mai und Oktober. Die jährlich genutzte Home Range (7,45 ha, 100 % MCP) veränderte sich während der Untersuchungsjahre nicht, aber sie war etwa 33 % größer als bei früheren Erhebungen (Spanne 0,47–187.67 ha). Die täglich durchgeführten Wanderungen der Schildkröten verkürzten sich nach dem Holzeinschlag von 22 m +/- 1,2 m auf 15 m +/- 0,9 m; während die Temperaturoptima anstiegen und zwar von 23 +/- 1 ºC auf 25 +/- 1 ºC. Die mikroklimatischen Bedingungen variierten zwischen den jeweiligen Habitattypen, wobei jedoch die monatlichen Durchschnittswerte der Temperatur auf den Kahlschlagflächen zum Teil bis zu 13 ºC höher lagen. Schildkröten, die die Kahlschlagflächen nutzten, waren extrem hohen monatlichen Durchschnittstemperaturen ausgesetzt, die bis zu 40 ºC erreichten. Als Anpassung daran führten diese Schildkröten kürzere, aber häufigere Wanderungen durch, und zwar in die Kahlschläge hinein und wieder heraus, was dazu führte, dass solche Individuen eine um 9 % erhöhte Körpertemperatur aufrechterhielten. Diese Studie mit ihrem speziellen experimentellen Design, bei dem Radiotelemetrie und Verhaltensbeobachtungen kombiniert wurden, um bei einer wild lebenden ektotheremen Population ihr Verhalten vor und ihre Reaktion auf die vom Menschen induzierten Veränderungen untersucht wurden ist die erste ihrer Art. Unsere Ergebnisse belegen, dass es innerhalb einer relativ großen zusammenhängenden Waldlandschaft mit kleinflächigen Holzeinschlagsflächen zu lokalen Auswirkungen auf die Thermalökologie für Ektotherme kommt. Konsequenterweise können die Ergebnisse dieser Studie dazu genutzt werden, das Erhaltungsmanagement für temperaturabhängige Spezies dahingehend zu unterstützen, das Holzmanagement mit dem Erhaltungsmanagement in einer Landschaft so aufeinander abzustimmen, dass die Auswirkungen des Klimawandels minimiert werden.

Carolina-Dosenschildkröte, Terrapene carolina – © Hans-Jürgen Bidmon
Carolina-Dosenschildkröte,
Terrapene carolina
© Hans-Jürgen Bidmon

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hier handelt es wirklich um eine gute Studie, die auch andeutet, wie der praktische Umgang mit dem Klimawandel aussehen könnte oder gar aussehen sollte. Denn im Gegensatz zu den vielen Arbeiten, die nur negative Befürchtungen in Bezug zur Erhaltung von Arten mit temperaturabhängiger Geschlechtsbestimmung betonen, wird hier zumindest angedeutet, wie Forstwirtschaft und Erhaltungsmanagement so koordiniert werden sollten, dass nicht nur forstwirtschaftlicher Gewinn im Vordergrund steht, sondern auch das Erhaltungsmanagement berücksichtigt wird. Hier ist auch langfristig vorausschauendes Engagement notwendig. Wälder wachsen vergleichsweise langsam nach, und, wo man zu viel schon abgeholzt hat, wird man es schwer haben, die prognostizierten Temperaturanstiege unseres derzeitigen Jahrhunderts auf diese Art lokal zu kompensieren oder zumindest erträglich zu gestalten. Auch hier ist ein klares Engagement der herpetologischen Verbände gefordert, das Forstmanagement mit in ihre Überlegungen einzubeziehen, denn solche Erkenntnisse gelten ja nicht nur für Amerika oder Australien und auch nicht nur für Schildkröten.
Darüber hinaus liefert die Arbeit gute, über einen Zeitraum von 4 Jahren im Freiland aufgezeichnete Körpertemperaturoptima für
Terrapene c. carolina, die in den bewaldeten Flächen vor der Abholzung bei 22–24 ºC lagen und nach der Abholzung durch das Thermoregulationsverhalten der Schildkröten auf 24–26 ºC eingestellt wurden – und das obwohl im Waldhabitat vor der Abholzung die durchschnittliche Bodentemperatur mit 24,5 ºC höher lag als mit 22,7 ºC in den Kahlschlägen. Hier zeigt sich auch, wie der Wald das Bodenklima stabilisiert, denn in den Kahlschlägen schwanken die Temperaturen sehr stark, sodass hier trotz der extrem hohen sommerlichen Tagestemperaturen durch die deutlicher ausfallende nächtliche und winterliche Auskühlung insgesamt niedrigere Durchschnittswerte für die Bodentemperatur erreicht wurden. Auch das sollte zu denken geben, denn hier zeigen sich in Bezug zu den Körpertemperaturoptima schon Ähnlichkeiten zu anderen Arten (Dubois et al. 2008).

Literatur

Dubois Y, G. Blouin-Demers & D. Thomas (2008): Temperature selection in wood turtles (Glyptemys insculpta) and its implications for energetics. – Ecoscience 15(3): 398–406 oder Abstract-Archiv.

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