Booth, D. T. (2006): Influence of incubation temperature on hatchling phenotype in reptiles. – Physiological and Biochemical Zoology 79 (2): 274-281.

Einfluss der Inkubationstemperatur auf den Phänotyp von Reptilienschlüpflingen

Die Inkubationstemperatur beeinflusst den Phänotyp von Reptilienschlüpflingen bei den verschiedensten Spezies. Insbesondere werden davon das Geschlecht, die Köpergröße und -form, die Färbung, das Verhalten und die motorischen Fähigkeiten (z. B. Beweglichkeit) der Schlüpflinge beeinflusst. Deshalb gibt es zunehmend Bedenken, wie und ob sich die globale Erwärmung negativ auf die Reptilienpopulationen auswirken könnte, indem sie die Häufigkeit, mit der bestimmte Phänotypen schlüpfen, verändern wird. Hier gebe ich einen Überblick über die Daten die an Hand eines theoretischen Modells erarbeitet wurden, das entwickelt wurde, um vorhersagen zu können, wie sich globale Erwärmung auf die Geschlechtsausprägung auswirken würde bei jenen Spezies die eine Temperatur abhängige Geschlechtsausprägung zeigen. Das Modell zeigt, dass sich das Geschlechterverhältnis sehr robust (unverändert bleibt) gegenüber einer moderaten Erwärmung erweist, solange gewährleistet bleibt, dass die Eier täglichen, zyklischen Schwankungen in der Inkubationstemperatur ausgesetzt bleiben, wobei die Schwankungen so groß sein sollten, dass im Tageszyklus Phasen mit so niedrigen Temperaturen auftreten, dass sie einen zeitweiligen (wenige Stunden) Entwicklungsstopp des Embryos bewirken. Ebenso werden Daten über den Einfluss der Inkubationstemperatur auf die lokomotorische Aktivität und das Wachstum der Schlüpflinge nach dem Schlupf vorgestellt, da es sich dabei um Fähigkeiten handelt, die den größten Einfluss auf die Überlebensfähigkeit und Fitness der Tiere zu haben scheinen. Die Mehrheit dieser Daten wurde allerdings für konstante Inkubationstemperaturen erarbeitet und nur wenige analysierten auch diese Parameter bei schwankenden Inkubationstemperaturen. Obwohl die Anzahl der Daten bislang gering ist, zeigt sich deutlich, dass sich schwankende Inkubationstemperaturen positiv auf die motorischen Fähigkeiten (Beweglichkeit, Agilität) der Schlüpflinge auswirken. Dieses Ergebnis sollte keine Überraschung sein, wenn man bedenkt, dass die meisten der natürlichen Reptiliennester relativ flach unter der Erdoberfläche platziert werden und deshalb täglichen Schwankungen in der Inkubationstemperatur ausgesetzt sein dürften.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine sehr schöne Studie, die doch zum Überdenken unserer so häufig praktizierten Inkubationsmethoden führen sollte. Sicher sollte man dabei natürlich auch die Herkunft seiner Tiere berücksichtigen, denn es gibt auch Feldstudien, die zeigen das bei einigen südostasiatischen Spezies der Tag-Nachtunterschied in der Nesttemperatur nur etwa 3 ºC ausmacht (van Dijk pers. Mitt.), während sich dieser beispielsweise in den Nestern der Strahlenschildkröte in Madagaskar sowohl während des Tageszyklus' als auch im Jahreszyklus im zweistelligen Grad-Celsius-Bereich bewegen kann (Leuteritz 2002). Nebenbei sei noch erwähnt, dass die Arbeit mit 70 Orginalzitaten einen guten Einblick in das Thema bietet.
Leuteritz, T. E. J. (2002): Distribution, status, and reproductive biology of the radiated tortoise,
Geochelone radiata (Shaw, 1802) in southwest Madagascar. – Fairfax (Diss., George Mason University), 134 S.